Mache ich auch alles richtig? -Unsicherheiten in der Erziehung

Je bewusster die Entscheidung für ein Kind, desto höher sind meist die Ansprüche an das eigene Erziehungshandeln. Man liest Erziehungsratgeber, diskutiert in Foren über den richtigen Umgang mit dem Kind und saugt begierig alle verfügbaren Informationen auf. Doch die gewünschte Erleichterung und Bestätigung bleibt oft aus. Stattdessen tritt sogar oft das genaue Gegenteil ein: Wir werden immer unsicherer. Warum ist das so? Und wie kommen wir aus diesem negativen Kreislauf heraus?

Grundlegende Fragen mit weitreichenden Konsequenzen

Die grundlegende Ursache für unsere Unsicherheit in Erziehungsfragen sehe ich in der großen Verantwortung, die wir mit der Erziehung eines Kindes übernehmen. Bereits vor der Geburt beschäftigen wir uns vielfach und aus gutem Grund mit dem großen Ganzen. Wie können wir unsere Kinder zu selbstbewussten und zugleich gesellschaftsfähigen Individuen erziehen, die als Erwachsene ihren zufriedenen Platz im Leben finden? Was genau sollen oder müssen wir dafür im Einzelnen tun? Wessen Rat können wir vertrauen und was hilft uns persönlich weiter?

Ausgehend von diesen Aspekten kommen uns zudem schnell weitere Fragen in den Sinn, die unsere grundsätzliche Identität als Eltern berühren: Welche Art von Eltern wollen wir sein? Und welche Art von Kindern wird dabei herauskommen?

Unsicherheiten bei der Erziehung – ein Phänomen der heutigen Zeit?

Was mich in diesem Zusammenhang, seit ich selbst Mutter bin, immer wieder beschäftigt, sind die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Gibt es bestimmte Gesellschaftsstrukturen, die Elternschaft heutzutage schwieriger erscheinen lässt als in früheren Jahrzehnten?

Meiner Einschätzung nach haben Epochen-spezifische Dynamiken einen großen Einfluss auf unser Erleben und Wahrnehmen der Elternrolle. In den letzten Jahren hat sich, beeinflusst durch moderne technische Entwicklungen und gesellschaftliche Strömungen, viel verändert. Zur Illustration möchte ich hier einige Schlagworte nennen:

  • Wir kommunizieren anders. Social-Media, Eltern-Communities und Foren eröffnen uns neue Möglichkeiten und erweitern unseren Horizont, können aber auch schnell zu Überforderung führen.
  • Unsere Anforderungen an uns selbst und gleichzeitig die der Gesellschaft wachsen. Während Kinder früher wie selbstverständlich zu jeder Familie gehörten, wird die Entscheidung für oder gegen Nachwuchs heute sehr bewusst getroffen. Dementsprechend viel erwarten wir von uns und erwartet auch unser Umfeld von unseren Kindern.
  • Kinderrechte gewinnen an Bedeutung. Keine Frage: Auch in den vergangenen Jahrzehnten sorgten sich Eltern mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften darum, dass es ihren Kindern gut geht. Im Zuge der Debatte um Kinderrechte hat sich das Bild von den Bedürfnissen unserer Kinder allerdings stark gewandelt. Im Gegensatz zu früher konzentrieren wir uns sehr viel stärker auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit unserer Kinder.
  • Familiäre Strukturen sind im Wandel. Das Bild von der idealen Familie mit Vater, Mutter und Kind ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Anstelle dessen ist ein plurales „bunteres“ Familienbild getreten, das unterschiedlichste Konstellationen einschließt. Wie die „neue Familie“ konkret gelebt werden soll, bleibt allerdings oftmals unklar.
  • Die Weitergabe von Erfahrungen und Wissen über Generationen hinweg ist heute selten geworden. Viele Eltern wohnen weit weg von ihren Verwandten oder möchten bewusst andere Wege in der Erziehung gehen. Die Orientierung gebende Funktion der Großeltern entfällt daher zumeist.
  • Wir vergleichen uns mit anderen Eltern. Schläft dein Kind schon durch oder ist es gar schon sauber? Was mit harmlosen Fragen anfängt, kann uns schnell extrem verunsichern oder sogar zu einem regelrechten Wettbewerb unter Eltern führen. Dieser Konkurrenzkampf kann im schlimmsten Fall unsere Beziehung zum Kind stark belasten.
  • Wir werden von Informationen nahezu überflutet. Unzählige Elternratgeber mit teilweise widersprüchlichen Aussagen (z.B. quengeln lassen oder sofort ins eigene Bett holen bei Schlafproblemen) – auf den ersten Blick sind wir heute so gut informiert wie keine Generation zuvor. Hinzu kommen nicht zuletzt spätestens beim Besuch der Krippe oder des Kindergartens in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen „Entwicklungsgespräche“ – mit entsprechenden Folgen: Wir fühlen uns einfach überfordert und stehen scheinbar unter Zugzwang, immer und sofort alles richtig machen zu müssen. Gleichzeitig verlieren wir viel von unserer Spontaneität und misstrauen leider auch zunehmend unserer Intuition.
  • Werte und Normen in unserer Gesellschaft sind nicht mehr klar vorgegeben. Für welche Werte sollen unsere Kinder später mal eintreten? Welche Wertvorstellungen sollen ihr Leben prägen? Die Antworten auf diese Fragen stehen heute nicht mehr im Vorhinein fest. Stattdessen können bzw. müssen wir selbst entscheiden, welche Werte wir vermitteln und in der Folge welchen Erziehungsstil wir wählen möchten. Das eröffnet uns einerseits Freiheiten, stellt uns aber andererseits vor die Herausforderung, den richtigen Weg selbst zu finden.

Wege aus der Unsicherheit

Wie können wir trotz dieser vielfältigen Hindernisse zu einer sicheren Elternrolle finden?

  • Zuallererst möchte ich dich beruhigen. Dass Eltern eine gewisse Unsicherheit in sich tragen, ist völlig normal und auch vollkommen in Ordnung. Um zu einer sicheren Elternrolle zu finden, müssen wir diese Unsicherheit daher zuerst einmal akzeptieren und für uns einfach annehmen.
  • Im zweiten Schritt geht es dann darum, unsere vorhandenen Kompetenzen und Stärken bewusst wahrzunehmen und zu nutzen. Als Eltern verfügen wir doch über ein intuitives Gespür dafür, was unser Kind wirklich braucht. Nehmen wir uns also genügend Zeit und Muße, diese Fähigkeiten wieder in unser Bewusstsein zu rufen, damit wir  einen neuen Zugang zu unserem Kind finden können.
  • Egal ob im Kindergarten oder in der Schule, beim Gespräch mit pädagogischem Fachpersonal erhalten wir wertvolle Anregungen, lernen Dinge aus einem anderen Blickwinkel kennen und können neue Möglichkeiten des Umgangs mit Erziehungsfragen erkunden. Wir müssen und sollten nicht blind allem vertrauen, was uns die „Profis“ erklären – doch offene und ehrliche Gespräche können uns und auch das Personal wesentlich weiterbringen. Wichtig: Niemand kennt unser Kind so gut wie wir selbst. Als Experte für unser Kind können wir daher auch dem Personal wichtige Anregungen für die tägliche Arbeit geben. Je offener du über deine Familie sprichst, desto mehr profitieren beide Parteien.
  • Unterstützung und Anregung(en) von Außenstehenden kann uns helfen, unseren Aufgaben als Eltern noch besser gerecht zu werden. Kommen wir alleine nicht weiter, sollten wir uns daher nicht scheuen, auch Hilfe von Erziehern, Lehrern oder Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen.

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