Meditation und Achtsamkeit schon in der Grundschule ?

Bildung ist mehr als die Anhäufung von (Fach)Wissen

Nach meinem letzten Blog-Beitrag stellte sich mir die Frage, wie GrundschullehrerInnen, die unsere Kinder Tag für Tag über viele Stunden hinweg begleiten, das Thema sehen und welche Erfahrungen sie in Bezug auf Achtsamkeit in der Schule machen.

Die Grundschullehrerin Nicole R. gab mir im Interview diese Antworten.

A.F.: Wie erlebst du die Kinder in Bezug auf Schulstress, emotionale Selbstregulation und Konzentrationsfähigkeit? Wirken sich die emotionalen Kompetenzen der Kinder auf die Interaktionen im schulischen Miteinander aus?

N.R.: In meinem Lehreralltag an einer Brennpunktschule spielt vor allem das Thema Selbstregulation eine entscheidende Rolle. Viele Kinder sind nicht in der Lage, mit ihren mitunter sehr starken Emotionen umzugehen und diese in einer angemessenen Form zu äußern. In der Folge kommt es häufig zu Konflikten zwischen den Kindern, die teilweise äußerst aggressiv ausgetragen werden. Auch die Konzentrationsfähigkeit der Kinder ist durch die ständige emotionale Beanspruchung sehr beschränkt.

A.F.: Wodurch entstehen diese Probleme deiner Ansicht nach?

N.R.: Meiner Einschätzung nach hat die fehlende Selbstkontrolle der Kinder zwei zentrale Ursachen.

Zum einen bekommen manche Kinder in ihren Familien zu wenig Gelegenheit, ihre diesbezüglichen Fähigkeiten zu trainieren. Sie lernen nicht, mit sich selbst und anderen achtsam umzugehen und können die fehlenden Erfahrungen in ihrer frühen Kindheit in der Schule nur schwer kompensieren.

Zum anderen sehe ich die derzeitige Taktung des Schultags als große Herausforderung für die Kinder. Schon die gerade einmal 6-Jährigen verbringen den Tag oft von morgens um 7 Uhr bis spätnachmittags in der Schule. Da entsprechende Angebote fehlen, kommen sie dabei im Laufe des Schultags kaum zu Ruhe. Fehlt dann auch noch zuhause die nötige emotionale Unterstützung, kommt ein tragischer Teufelskreis aus zunehmendem Stress für alle Beteiligten in Gang.

A.F.: Aufmerksamkeit steuern, Impulse kontrollieren, sich selbst beruhigen – wie können Schülerinnen und Schüler lernen, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu vertiefen?

N.R.: Wie schon gesagt, sehe ich hier erstens schon vor dem ersten Schultag die Eltern gefordert. Sie müssen ihren Kindern vorleben, wie man mit seinen Emotionen umgehen kann und welche Schlupflöcher sich im Alltag zum achtsamen Leben bieten. Zweitens sind selbstverständlich auch wir Lehrerinnen in der Pflicht. Mit gezielten Achtsamkeitsübungen und individuellen Rückzugsangeboten können wir den Schultag der uns anvertrauten Kinder achtsamer gestalten. Leider fehlt es vielen Lehrern an dem nötigen Wissen und vielen Schulen an der richtigen Ausstattung, um diesen Weg zu gehen.

A.F.: Meditation und Achtsamkeitsübungen als Unterrichtsfach – Wie stehst du dazu?

N.R.: Grundsätzlich fände ich es toll, wenn Meditation auf dem Stundenplan stehen würde. Gleichzeitig sehe ich mehrere Hindernisse, die einem solchen Unterrichtsfach entgegenstehen. Zunächst einmal fehlt uns angesichts der übervollen Lehrpläne und des nach wie vor gravierenden Lehrermangels schlicht die Zeit, um entsprechende Unterrichtsstunden zu gestalten. Hinzu kommt das Problem der mangelnden Ausbildung der Lehrkräfte. In meinem Referendariat hat Achtsamkeit keine Rolle gespielt. Nicht zuletzt – und das ist für mich im Grunde der wichtigste Aspekt – sehe ich Achtsamkeit und Meditation aber auch als etwas sehr Individuelles, was sich im Rahmen des gewöhnlichen Unterrichts kaum optimal vermitteln lässt. Für mich wären individuelle, freiwillige Angebote, gezielte Förderprogramme für einzelne Kinder und der verstärkte Einsatz von einzelnen kleineren Übungen im Schulalltag die bessere Alternative.

A.F.: Wie könnte man die Neugier und Motivation dafür wecken?

N.R.: Das Bewusstsein für die zunehmenden Probleme vieler Kinder mit der Selbstregulation ist meiner Ansicht nach bei vielen Lehrern angekommen. Leider wird bislang aber wenig getan, um für Abhilfe zu sorgen. Um tragfähige Lösungsansätze entwickeln zu können, müssten meiner Meinung nach zunächst die Eltern für die Thematik sensibilisiert werden.

A.F.: Wie könnte eine Implementierung in der Schule aussehen?

N.R.: Da müsste sich sowohl strukturell als auch personell vieles ändern. In jeder Schule sollte es einen Raum geben, indem sich die Kinder jederzeit zurückziehen können und der von erfahrenen Mitarbeitern betreut wird. Außerdem müsste es regelmäßige Projekte geben, bei denen sich die Kinder mit ihren Gefühlen und ihren Wahrnehmungen auseinandersetzen. Das könnte auch präventiv gegen die zunehmende Gewalt an Schulen wirken. Nicht zuletzt ist jeder einzelne Lehrer gefragt, den Schulalltag „seiner“ Kinder achtsam(er) zu gestalten.

A.F.: Was benötigen die Lehrer?

Lehrer brauchen vor allem das nötige Wissen und die Bereitschaft, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Umsetzung in die Praxis gelingt dann erfahrungsgemäß am besten, wenn das gesamte Kollegium mitmacht.

A.F.: Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen?

N.R.: Für mich ist die Vorbildfunktion der Eltern ganz entscheidend. Wer seinen Kindern kontinuierlich zeigt, wie man auf sich und andere achtet, gibt dieses Verhalten automatisch weiter. Außerdem sollten Eltern darauf achten, ihre Kinder nicht mit Terminen zu überfrachten, sondern ausreichend Zeit zur Erholung einplanen. Die 5-Tage-Woche in der Ganztagsschule mit Betreuung bis 17 Uhr oder sogar darüber hinaus sehe ich sehr kritisch.

A.F.: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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