#STAY#HOME# – Wie gestalte ich den Alltag mit meinem Kind (2 -10 Jahre) in Zeiten von Corona

Spätestens seit in Deutschland die Kinderbetreuungsstätten schließen mussten, ist die Ernsthaftigkeit der Corona Krise vollständig in unserem Alltag und in unserem Bewusstsein angekommen.

Nie erlebte Szenarien von Krankheit und Tod durch ein unsichtbares Virus belasten uns. Anders als bei anderen Krisen können wir dabei kaum auf das Erfahrungswissen der älteren Generationen zurückgreifen. Unser Gesundheitswesen, Wirtschaft, Politik und nicht zuletzt wir mit der Betreuung unserer Kinder stehen vor vollkommen neuen Herausforderungen.

Wie lässt sich mit all den einschneidenden Veränderungen umgehen? Wie finden wir gestärkt aus der Krise?

Was jetzt gefragt ist, sind vor allem Kraft, Mut, Solidarität und die Aufrechterhaltung von Werten und Normen. Darüber hinaus sollte sich jeder ganz klar zu positionieren, um den Alltag mit seiner Familie nicht in eine Abwärtsspirale abgleiten zu lassen. In dieser schweren Zeit, die geprägt ist von Existenz-Verlustängsten sowie der Sorge um die Gesundheit von Familie und Freunden, dürfen Sorgen keine überdimensionale Ausmaße annehmen und das eigene Handeln lähmen. Tage, die von Antriebslosigkeit und einem „sich Ergeben“ geprägt sind, helfen niemandem weiter – am wenigsten uns selbst.

Doch wie gelingt das? Das Zauberwort der Stunde nennt sich Resilienz, das auch als das „Immunsystem der Psyche“ zu übersetzen ist. Menschen mit einer gut ausgeprägten Resilienz besitzen die Gabe, sich schnell in schwierigen Situationen zurechtzufinden. Sie sind bereit, ihr Leben aktiv selbst zu gestalten und sich nicht ihrem Schicksal zu ergeben. Sie nehmen Herausforderungen als Chance an, weil sie zum Leben und Sein dazugehören und weil sie erkennen, dass Krisen auch die Möglichkeit bieten, an ihnen zu wachsen.

In diesem Sinn geht es in diesem Blog um die produktive, aktive Gestaltung des Alltags mit Kindern in der Zeit von Ausgangsbeschränkungen und anderen Maßnahmen, die unser Leben maßgeblich beeinflussen.

1. Das Wichtigste zuerst: Klären Sie Ihre Kinder über das momentane Geschehen und sämtliche Verhaltensregeln, die während der Corona Krise zu beachten sind, altersentsprechend auf. Kinder dürfen nicht im Ungewissen bleiben, denn dies schürt falsche Vorstellungen und diffuse Ängste. Nur wenn Ihre Kinder wissen, was sie tatsächlich erwartet, haben sie die Möglichkeit, die neue Situation zu verstehen und anzunehmen. Auf diese Weise gewinnen sie die dringend benötigte Sicherheit.

2. Tauschen Sie sich nicht mit anderen Personen über Neuigkeiten betreffend Corona aus, wenn Ihre Kinder in der Nähe sind. Sämtliche Gespräche hierüber sind nicht für Kinderohren bis zu einem Alter von mindestens acht Jahren bestimmt.

3. Wie schaffen Erzieherinnen und Erzieher es nur, einen ganzen Tag mit bis zu 25 Kindern zu meistern? Diese Frage stellen sich derzeit wohl viele Eltern. Die Antwort darauf ist wiederum der Schlüssel zu einem harmonischen Familienalltag auch in der Krisenzeit: Organisieren Sie den Tag mit einem klar strukturierten Ablauf mit festen Regeln und regelmäßig wiederkehrenden Ritualen. Experten sind sich einig, dass für Kinder ein altersentsprechendes Gerüst aus sinnvollen Vorgaben die notwendige Sicherheit, das Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit vermittelt.

4. Innerhalb dieses festen Rahmens benötigen Kinder wiederum Freiräume zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Aus Langeweile, die heute die meisten Kinder gar nicht mehr erleben dürfen, können die kreativsten Ideen entstehen!

5. Planen Sie Ihren individuellen, auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder abgestimmten Tagesplan jeden Morgen gemeinsam. Der Einbezug aller sorgt für die größtmögliche Akzeptanz bei der Umsetzung von getroffenen Absprachen.

6. Basteln Sie sich mit Ihren Kinder einzelne Bilder-Modulkarten, mit denen Sie den Tagesablauf im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar machen können. Mögliche Themenbereiche können sein:

HOMEOFFICE

FRÜHSTÜCK / MITTAGESSEN / ABENDESSEN

FREISPIEL

GEMEINSAME HAUSARBEIT

MEDIENZEIT

VORLESEZEIT

RUHEZEIT

BONUSKARTE KIND (Platz für einen spontanen Wünsch: z.B. Knuddelzeit)

BONUSKARTE ELTERN

BEWEGUNG

AUFENTHALT IN DER NATUR

GEMEINSAME SPIELZEIT

DUSCHEN

GUTE NACHT

Die einzelnen Modulkarten sollten Sie gemeinsam mit Ihren Kindern gestalten (malen, bekleben, ausschneiden) und anschließend auf Pappe kleben oder, noch besser, laminieren. Wichtig ist dabei, dass Ihre Kinder die Motive zuordnen können und wissen, was die jeweilige Karte bedeutet.

Fertigen sie zusätzlich Kärtchen mit Uhrzeiten an, sodass die einzelnen Modulkarten für einen verbindlichen Tagesplan auf die jeweilig verfügbaren Uhrzeiten gelegt werden können.

7. Achten sie bei der konkreten Planung darauf, dass bestimmte Modulkarten immer wieder zur gleichen Uhrzeit platziert werden z.B.: 19:00 Uhr – Vorlesezeit. Auf diese Weise schaffen Sie Rituale.

8. Sinn und Zweck dieser Modulkarten ist ihre Einhaltung. Lassen Sie sich im Laufe des Tages daher nicht mehr auf Diskussionen ein. Anfängliche Probleme sind völlig normal und erübrigen sich bei einer konsequenten Umsetzung mit der Zeit von selbst. Mithilfe des Plans schaffen Sie sich auf diese Weise dringend notwendige Freiräume.

9. Nutzen Sie die gemeinsame Zeit mit Ihrem Kind, um es in seiner Selbstständigkeit zu fördern. Gerade jüngere Kinder sind sehr stolz darauf, Dinge allein bewältigen zu können. Beziehen Sie z.B. Ihr Kind in die Hausarbeit mit ein oder bringen Sie gemeinsam die Fahrräder in Schuss. Was Sie auch immer vorhaben, orientieren Sie sich dabei am Entwicklungsstand Ihres Kindes. Sie werden ein Kind erleben, das an seinen Aufgaben wächst und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt.

10. Achten Sie immer auf Ihre Vorbildfunktion. Eine unordentliche Umgebung, Nachlässigkeiten bei der Körperhygiene und bei der Auswahl ihrer Kleidung, ein scharfer Ton, Schimpfereien und Unzufriedenheit übertragen sich postwendend auf ihr Kind. Ihr Kind spiegelt Ihre Stärken und Schwächen!

11. Zum Schluss noch ein wichtige Bitte: Beziehen Sie bewusst gerade die Generation von Menschen ein, die es in Corona-Zeiten besonders zu schützen gilt. Opas & Omas freuen sich jetzt besonders darüber, mit ihren Enkeln in Kontakt zu treten. Ob über Skype, WhatsApp mit Videoanruf oder durch das Verschicken eines gemalten Bildes – nutzen Sie die modernen technischen Möglichkeiten! Vielleicht haben Oma und Opa auch Lust, eine Geschichte am Telefon vorzulesen?

Ich wünsche ihnen viel Spaß bei der Umsetzung & eine gesunde und harmonische Familienzeit!

Jessica Hobler, B.A. Frühpädagogik Leitung und Management

Eine Reise zu unserem Ego

Inspiriert von einem Vortragsabend von Eckhart Tolle schreibe ich heute über ein Thema, mit dem wir uns als Eltern in der Regel nicht gerne beschäftigen: der Frage nach unserem Ego in Bezug auf die Elternschaft.

Vorab möchte ich klarstellen, dass dieser Beitrag dich keineswegs belehren soll. Stattdessen möchte ich zum Nachdenken anregen und neue Wege eröffnen, wie wir unsere Elternrolle auch in diesem Punkt mit uns selbst im Reinen füllen können. Heute bin ich unheimlich dankbar, dass ich meine Kinder auf Augenhöhe begegnen kann und sich unsere Beziehung auf unterschiedliche Art transformiert hat. Genau dazu möchte ich dir Impulse geben.

Warum sind wir eigentlich Eltern geworden?

Hast du dich schon mal gefragt, warum ihr Kinder habt? Was war der wichtigste Grund für diese weitreichende Entscheidung? Die (ehrlichen) Antworten auf diese Fragen können denkbar vielfältig sein:

  • Geht es darum, eigene Bedürfnisse zu befriedigen?
  • Möchtest du es besser als deine eigenen Eltern machen?
  • Sollen Probleme in der Partnerschaft durch die Kinder gelöst bzw. überspielt werden?
  • Suchst du nach dem Gefühl, vorbehaltlos geliebt zu werden?
  • Lasten die Erwartungen von Familien und Freunden auf dir?
  • Spürst du gesellschaftlichen Druck, weil man als moderne Frau Kind und Job vereinen sollte?
  • ….

Der Wunsch, Eltern zu werden, entsteht meiner Erfahrung nach häufig aus einem dieser im Grunde egoistischen Gefühle heraus. Auch bei mir war das so.

Die Konsequenzen unserer egoistischen Entscheidung …

Die Folgen einer rein oder vorwiegend auf egoistischen Gefühlen basierenden Elternschaft können allerdings gravierend sein. Letztendlich benutzen wir unsere Kinder, um unsere persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen, unser gebrochenes Selbst zu heilen, uns selbst wertvoll und kompetent zu fühlen oder fremden Erwartungen gerecht zu werden – und das spiegelt sich in unserem Verhalten gegenüber den Kindern.

Wir …

  • … drängen sie in Rollen, die nicht die ihren sind und zwingen sie, sich zu verstellen.
  • … verlangen von ihnen, in unsere Welt einzutreten und versperren ihnen die Möglichkeit, ihre eigene Welt zu erobern.
  • … dominieren sie und vermitteln, dass wir sowieso alles besser wissen.
  • … bestimmen über wesentliche Entscheidungen, die unsere Kinder selbst treffen können und sollen – angefangen bei den Hobbys bis hin zum späteren Beruf. Welche Kompetenzen unsere Kinder wirklich mitbringen und welche Wünsche sie hegen, gerät dabei allzu schnell in Vergessenheit.
  • … versuchen, unsere Vorstellungen von Erfolg und Erfüllung auf unsere Kinder zu übertragen. Ob sie diese teilen, wird oft nicht berücksichtigt.

Aus genau diesem Verhalten ergibt sich einerseits für uns und andererseits für unsere Kinder ein Teufelskreis, in dem alle nur verlieren können.

Für uns entsteht zunächst einmal der tägliche Kampf, unsere Kinder – wenn nötig auch gegen deren offenen oder versteckten Widerstand – auf dem von uns vorgesehenen Weg zu halten. Gelingt uns dies nicht, fühlen wir uns als Versager und suchen unter Umständen (mehr oder weniger bewusst) verzweifelt nach Möglichkeiten, den Willen unserer Kinder doch noch zu brechen.

mit schwerwiegenden Folgen für das ganze Leben

Unsere Kinder haben dementsprechend zwei Möglichkeiten, zu reagieren:

Entweder sie unterwerfen sich unseren Vorstellungen und verleugnen damit einen Teil ihrer Persönlichkeit. Unsere Kinder entwickeln sich so zu Menschen, die wir in ihnen sehen wollen und nicht zu den Personen, die sie wirklich sind. Die Folge sind oftmals lebenslange Unzufriedenheit und innere Unruhe.

Oder sie widersetzen sich unseren Vorgaben und werden in der Folge Tag für Tag mit unserer mehr oder weniger deutlichen Ablehnung konfrontiert. Diese Ablehnung signalisiert unseren Kindern wiederum, dass sie, so wie sie sind, nicht in Ordnung sind, den Erwartungen nicht genügen und unsere Ansprüche nicht erfüllen (können). Diese Gefühle können das Selbstvertrauen massiv schädigen…

Vom Ego zur ehrlichen Selbsterkenntnis

„Halt, Stopp!“, wirst du jetzt vielleicht sagen. Ich bin Mutter/Vater aus Leidenschaft, ich liebe mein Kind und ich tue alles, damit es glücklich ist. Wo ist da Platz für mein Ego?

Denkt man länger darüber nach, erscheint die Sache allerdings nicht mehr so einfach. Ist die Liebe zu deinen Kindern wirklich bedingungslos, kontroll- und angstfrei?

Meiner Ansicht nach ist Elternschaft grundsätzlich „verzwickt – tricky“. Einerseits lieben, beschützen und dienen wir unseren Kindern. Andererseits haben wir alle Pläne und Ideen im Kopf, wie sie sich entwickeln sollen und was wir uns für sie wünschen.

Genau in diesem Zwiespalt steckt die Gefahr, die uns Tag für Tag in der Erziehung begleitet.

Wer hat seinen Kindern nicht schon einmal etwas übergestülpt, dass nicht wirklich von Ihnen kam? Wer kontrolliert nicht, ob das Verhalten seiner Kinder den persönlichen Anforderungen genügt?

Hinzu kommen nicht zuletzt die Erfahrungen aus unserer eigenen Kindheit. Wurden wir selbst nicht genauso erzogen? Haben wir uns selbst nicht auch zeitweise schwach und ohnmächtig gegenüber unseren Eltern gefühlt? Haben wir den Kontakt zu unserem wahren Selbst womöglich auch verloren? Wir definieren unsere Identität über unsere Beziehungen, unseren Job, unsere Besitztümer und unser Geld… Haben wir unseren Job vielleicht deshalb gewählt, weil unsere Eltern uns mehr oder weniger offen dazu gedrängt haben – und dabei unsere Kindheitsträume außer Acht gelassen?

Die Elternschaft als Chance zur Befreiung

Mit unserer Elternschaft haben wir die einmalige Gelegenheit, all diese Einschränkungen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten unseres Lebens hinter uns zu lassen. Auf der gemeinsamen Reise mit unseren Kindern können wir weg vom ewigen Kampf hin zum zufriedenen „Fließen“ gelangen und uns von unserem Ego befreien. Lässt du dich einmal auf dieses Abenteuer ein, ist es im Grunde nicht schwer:

  • Akzeptiere deine Kinder, so wie sie sind.
  • Sehe, höre und verstehe, was sie wirklich wollen und brauchen.
  • Respektiere die Bedürfnisse, Ängste und die gesamten Persönlichkeiten deiner Kinder auf Augenhöhe.
  • Mache ihnen immer wieder deutlich, dass sie gut sind, so wie sie sind.

Für unsere Kinder und für uns

Können diese Veränderungen im Verhalten und unseren Einstellungen gegenüber unseren Kindern nicht auch für uns der Schlüssel sein, uns selbst endlich anzunehmen?

Kinder sind noch mit sich im Reinen – frei vom Ego, frei von gesellschaftlichen Etiketten und frei von der Bewertung Außenstehender. Genau auf diesem Weg können wir sie bestärken und begleiten, damit sie nicht – wie wir – viele Jahre auf der Suche nach sich selbst verbringen müssen. Was unsere Eltern wahrscheinlich nicht wussten und wofür sie dementsprechend auch keine Schuld tragen, können wir besser machen.

Was wird passieren, wenn wir uns von unserem Ego frei machen und sie zu den Erwachsenen hinbegleiten, die sie wirklich sind? Finden wir es heraus!

Mache ich auch alles richtig? -Unsicherheiten in der Erziehung

Je bewusster die Entscheidung für ein Kind, desto höher sind meist die Ansprüche an das eigene Erziehungshandeln. Man liest Erziehungsratgeber, diskutiert in Foren über den richtigen Umgang mit dem Kind und saugt begierig alle verfügbaren Informationen auf. Doch die gewünschte Erleichterung und Bestätigung bleibt oft aus. Stattdessen tritt sogar oft das genaue Gegenteil ein: Wir werden immer unsicherer. Warum ist das so? Und wie kommen wir aus diesem negativen Kreislauf heraus?

Grundlegende Fragen mit weitreichenden Konsequenzen

Die grundlegende Ursache für unsere Unsicherheit in Erziehungsfragen sehe ich in der großen Verantwortung, die wir mit der Erziehung eines Kindes übernehmen. Bereits vor der Geburt beschäftigen wir uns vielfach und aus gutem Grund mit dem großen Ganzen. Wie können wir unsere Kinder zu selbstbewussten und zugleich gesellschaftsfähigen Individuen erziehen, die als Erwachsene ihren zufriedenen Platz im Leben finden? Was genau sollen oder müssen wir dafür im Einzelnen tun? Wessen Rat können wir vertrauen und was hilft uns persönlich weiter?

Ausgehend von diesen Aspekten kommen uns zudem schnell weitere Fragen in den Sinn, die unsere grundsätzliche Identität als Eltern berühren: Welche Art von Eltern wollen wir sein? Und welche Art von Kindern wird dabei herauskommen?

Unsicherheiten bei der Erziehung – ein Phänomen der heutigen Zeit?

Was mich in diesem Zusammenhang, seit ich selbst Mutter bin, immer wieder beschäftigt, sind die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Gibt es bestimmte Gesellschaftsstrukturen, die Elternschaft heutzutage schwieriger erscheinen lässt als in früheren Jahrzehnten?

Meiner Einschätzung nach haben Epochen-spezifische Dynamiken einen großen Einfluss auf unser Erleben und Wahrnehmen der Elternrolle. In den letzten Jahren hat sich, beeinflusst durch moderne technische Entwicklungen und gesellschaftliche Strömungen, viel verändert. Zur Illustration möchte ich hier einige Schlagworte nennen:

  • Wir kommunizieren anders. Social-Media, Eltern-Communities und Foren eröffnen uns neue Möglichkeiten und erweitern unseren Horizont, können aber auch schnell zu Überforderung führen.
  • Unsere Anforderungen an uns selbst und gleichzeitig die der Gesellschaft wachsen. Während Kinder früher wie selbstverständlich zu jeder Familie gehörten, wird die Entscheidung für oder gegen Nachwuchs heute sehr bewusst getroffen. Dementsprechend viel erwarten wir von uns und erwartet auch unser Umfeld von unseren Kindern.
  • Kinderrechte gewinnen an Bedeutung. Keine Frage: Auch in den vergangenen Jahrzehnten sorgten sich Eltern mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften darum, dass es ihren Kindern gut geht. Im Zuge der Debatte um Kinderrechte hat sich das Bild von den Bedürfnissen unserer Kinder allerdings stark gewandelt. Im Gegensatz zu früher konzentrieren wir uns sehr viel stärker auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit unserer Kinder.
  • Familiäre Strukturen sind im Wandel. Das Bild von der idealen Familie mit Vater, Mutter und Kind ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Anstelle dessen ist ein plurales „bunteres“ Familienbild getreten, das unterschiedlichste Konstellationen einschließt. Wie die „neue Familie“ konkret gelebt werden soll, bleibt allerdings oftmals unklar.
  • Die Weitergabe von Erfahrungen und Wissen über Generationen hinweg ist heute selten geworden. Viele Eltern wohnen weit weg von ihren Verwandten oder möchten bewusst andere Wege in der Erziehung gehen. Die Orientierung gebende Funktion der Großeltern entfällt daher zumeist.
  • Wir vergleichen uns mit anderen Eltern. Schläft dein Kind schon durch oder ist es gar schon sauber? Was mit harmlosen Fragen anfängt, kann uns schnell extrem verunsichern oder sogar zu einem regelrechten Wettbewerb unter Eltern führen. Dieser Konkurrenzkampf kann im schlimmsten Fall unsere Beziehung zum Kind stark belasten.
  • Wir werden von Informationen nahezu überflutet. Unzählige Elternratgeber mit teilweise widersprüchlichen Aussagen (z.B. quengeln lassen oder sofort ins eigene Bett holen bei Schlafproblemen) – auf den ersten Blick sind wir heute so gut informiert wie keine Generation zuvor. Hinzu kommen nicht zuletzt spätestens beim Besuch der Krippe oder des Kindergartens in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen „Entwicklungsgespräche“ – mit entsprechenden Folgen: Wir fühlen uns einfach überfordert und stehen scheinbar unter Zugzwang, immer und sofort alles richtig machen zu müssen. Gleichzeitig verlieren wir viel von unserer Spontaneität und misstrauen leider auch zunehmend unserer Intuition.
  • Werte und Normen in unserer Gesellschaft sind nicht mehr klar vorgegeben. Für welche Werte sollen unsere Kinder später mal eintreten? Welche Wertvorstellungen sollen ihr Leben prägen? Die Antworten auf diese Fragen stehen heute nicht mehr im Vorhinein fest. Stattdessen können bzw. müssen wir selbst entscheiden, welche Werte wir vermitteln und in der Folge welchen Erziehungsstil wir wählen möchten. Das eröffnet uns einerseits Freiheiten, stellt uns aber andererseits vor die Herausforderung, den richtigen Weg selbst zu finden.

Wege aus der Unsicherheit

Wie können wir trotz dieser vielfältigen Hindernisse zu einer sicheren Elternrolle finden?

  • Zuallererst möchte ich dich beruhigen. Dass Eltern eine gewisse Unsicherheit in sich tragen, ist völlig normal und auch vollkommen in Ordnung. Um zu einer sicheren Elternrolle zu finden, müssen wir diese Unsicherheit daher zuerst einmal akzeptieren und für uns einfach annehmen.
  • Im zweiten Schritt geht es dann darum, unsere vorhandenen Kompetenzen und Stärken bewusst wahrzunehmen und zu nutzen. Als Eltern verfügen wir doch über ein intuitives Gespür dafür, was unser Kind wirklich braucht. Nehmen wir uns also genügend Zeit und Muße, diese Fähigkeiten wieder in unser Bewusstsein zu rufen, damit wir  einen neuen Zugang zu unserem Kind finden können.
  • Egal ob im Kindergarten oder in der Schule, beim Gespräch mit pädagogischem Fachpersonal erhalten wir wertvolle Anregungen, lernen Dinge aus einem anderen Blickwinkel kennen und können neue Möglichkeiten des Umgangs mit Erziehungsfragen erkunden. Wir müssen und sollten nicht blind allem vertrauen, was uns die „Profis“ erklären – doch offene und ehrliche Gespräche können uns und auch das Personal wesentlich weiterbringen. Wichtig: Niemand kennt unser Kind so gut wie wir selbst. Als Experte für unser Kind können wir daher auch dem Personal wichtige Anregungen für die tägliche Arbeit geben. Je offener du über deine Familie sprichst, desto mehr profitieren beide Parteien.
  • Unterstützung und Anregung(en) von Außenstehenden kann uns helfen, unseren Aufgaben als Eltern noch besser gerecht zu werden. Kommen wir alleine nicht weiter, sollten wir uns daher nicht scheuen, auch Hilfe von Erziehern, Lehrern oder Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen.

Wie du bewusste Elternschaft leben kannst

Rückblickend auf meine vergangenen 12 Jahre als Mutter empfinde ich das Elternwerden und -sein als das Wichtigste und zugleich die größte Herausforderung meines Lebens.

Gerade in der Schwangerschaft und in den ersten Lebensmonaten unserer Kinder haben wir dabei oft mit großen Unsicherheiten zu kämpfen. Wir haben keine klare Vorstellung, wie wir unsere Aufgaben als Eltern erfüllen möchten und können, wir sind uns unsicher über unsere persönlichen Familienziele und die Werte, die wir unseren Kinder mitgeben möchten.

Hinzu kommen nicht zuletzt die Fragen nach der praktischen Umsetzung. Welche Erziehungswege uns und unsere Kinder ans Ziel führen, lässt sich im Vorhinein nicht eindeutig sagen.

Kann ich diese Unsicherheit vermeiden oder reduzieren?

Zuallererst möchte ich an dieser Stelle eines klarstellen: Es geht mir hier nicht um einen konkreten Plan oder ein ausgefeiltes Konzept mit passenden „Rezepten“ für jede Alltagssituation. Allgemeine Erziehungstipps und Ratschläge lassen sich nicht verallgemeinern. Jedes Kind reagiert anders und auch du darfst deinen eigenen Stil finden, um deine Mutter-Vaterrolle zufrieden leben zu können. Ob du in deinem Verhalten authentisch bist, spürt dein Kind – und wird entsprechend reagieren.

Im Laufe der ersten Lebensjahre werden deine Kinder dich vielfach eines Besseren belehren, dich immer wieder vor neue Herausforderungen stellen und dein Profil als Mutter/Vater im besten Fall von Situation zu Situation stärken. Auch mein pädagogisches Konzept haben meine Kinder im Laufe der Zeit mehrfach über Board geworfen und ihren eigenen Plan gelebt.

Sind wir damit zwangsläufig schlechte Eltern?

Diese Frage kann ich eindeutig verneinen. Die uneingeschränkte Liebe zu unseren Kindern und unser Bemühen, ihren Bedürfnissen Tag für Tag gerecht zu werden, stehen über allem.

Doch gleichzeitig dürfen wir uns bewusst sein, dass unsere Kinder einen hohen Preis für unsere Unbewusstheit und fehlende Rollenklarheit zahlen.

Was ich damit meine, möchte ich dir mit einigen Schlagworten zeigen:

  • Wir schaffen emotionale Abhängigkeiten, die die freie Entfaltung unserer Kinder erheblich behindern.
  • Wir geben unseren Kindern vor, wie sie sich verhalten sollen und unterdrücken damit ihre eigenen Ideen und Bedürfnisse.
  • Wir missbrauchen unsere Macht und glauben, das Heranwachsen unser Kinder in allen Punkten steuern zu müssen. Auch auf diese Weise stören wir ihre individuelle Entwicklung.

Kurzum:

Wir streben danach, unsere Kinder nach unseren Wünschen zu formen.

Zeigen unsere Kinder dann vermeintlich „auffälliges“ Verhalten (ausgenommen sind selbstverständlich medizinische Defizite), das wir nicht nachvollziehen können, wenden wir uns schnell an eine Beratungsstelle. Von dort erhoffen wir meist die umgehende Bestätigung unserer Einschätzung. Getreu dem Motto „Wir sind nicht verantwortlich“ sollen die Fachleute es richten und unser Kind möglichst schnell therapieren.

Warum wir diesen bequemen Weg gehen, lässt sich leicht erklären: Suchen wir die „Schuld“ beim Kind, müssen wir uns selbst nicht mit unseren möglichen Fehlern auseinandersetzen und können scheinbar weitermachen wie bisher.

Wie kann ich in den Prozess der bewussten Elternschaft eintreten?

Möchtest du einen anderen Weg gehen und bei Herausforderungen gemeinsam mit deinem Kind nach Lösungen suchen, ist die bewusste Elternschaft der Schlüssel zu einer nachhaltigen Veränderung.

Wichtig: Es ist nie zu spät, diesen Prozess zu beginnen und er ist grundsätzlich nie ganz abgeschlossen. Wenn wir unsere Ideen, unsere Emotionen und unser Ego beiseite legen und somit einen „psychischen Tod“ sterben, können wir mit unseren Kindern neu geboren werden. Diese Möglichkeit haben wir jeden Tag aufs Neue.

Die ersten Schritte der bewussten Elternschaft

1. Akzeptiere dich mit all deinen Stärken und Schwächen. Diese Leitsätze helfen dir dabei:

Ich bin ein Mensch, bevor ich Mutter oder Vater werde/ wurde.

Ich akzeptiere meine eigenen Einschränkungen und Schwächen.

Ich akzeptiere, dass ich nicht immer den richtigen Weg weiß.

Ich akzeptiere, dass ich mein Bestes versuche – auch wenn ich nicht immer Erfolg habe.

Wahrscheinlich gibt es noch weitere Punkte, die du hier für dich ergänzen kannst.

2. Beantworte die folgenden Fragen, um auf deiner Reise in die bewusste Mutter-/Vaterrrolle voranzuschreiten:

  • Wie kann ich zu der Mutter oder dem Vater werden, die/den mein Kind verdient?
  • Wie kann ich meine Kinder bewusst begleiten und ihnen das geben, was sie tatsächlich benötigen?
  • Wie kann ich trotz der Angst vor Veränderungen/ Transformation wachsen?
  • Wie beeinflusst meine eigene Erziehung mein jetziges Handeln und von welchen prägenden Erfahrungen aus meiner Kindheit möchte ich bewusst Abstand nehmen?
  • Wie war die Beziehung zu meinen Eltern und welchen Einfluss haben meine Erfahrungen heute auf meine Elternrolle?

Deine individuellen Antworten helfen dir dabei, deine Elternrolle bewusster zu (er)leben und selbst zu gestalten.

3. Lass dich mit ganzem Herzen auf die anstehenden Veränderungen ein.

Das bewusste Elternsein ist ein transformierender Zustand, der alle Familienmitglieder prägt und deren Wirkung weit über das Heranwachsen der Kinder hinausgeht.

In diesem Prozess waren und sind meine Kinder für mich die größten „Lehrmeister“. Sie haben mich zu der Mutter gemacht, die ich heute bin. Kein Erziehungsratgeber kann dir das lehren, was deine Kinder Tag für Tag leben. Lässt du dich voll und ganz auf ihre individuellen Persönlichkeiten mit all ihren Stärken und Schwächen ein, bist du auf dem besten Weg, zur bewussten Elternschaft zu gelangen. Deine eigenen Veränderungen werden auf dieser Basis langfristig auch deine Kinder verändern.

Zum Abschluss: In diesem Prozess geht es nicht darum, das Zepter an die Kinder abzugeben. Stattdessen gilt es hinzuhören, deinen Kindern eine grundsätzliche Achtung und Respekt entgegenzubringen und für sie und ihre Bedürfnisse stets präsent zu sein. Dabei solltest du selbstverständlich feste Grenzen setzen und Disziplin einfordern.